Glück getoastet

Auf einmal überkommt mich ein ganz komisches Gefühl. Hä? Was soll das. Die ganze Zeit wart ihr mir ziemlich egal und die letzten vier Monate habt ihr sogar im Lagerraum verbracht, weil ich euch schon längst gegen ein neueres Modell eingetauscht habe. Ihr seid mir doch eigentlich egal geworden.

Aus die Zeiten, wo ein mattes Schwarz und ein glänzendes rot gegeneinander korrelierten. Damals, frisch ausgezogen, ging ich einfach in den nächst gelegenen Elektrohandel und griff zu den wohl billigsten Produkten. Ganz genau weiß ich das nicht mehr, denn das ganze ist wohl schon sieben Jahre her.

Bin mit 18 ausgezogen, wisst ihr. Seit dem begleitet ihr mich. Bis gerade eben war das ganz selbstverständlich und ich habe mir keine Gedanken darüber gemacht. Doch auf einmal überkommt mich ein Gefühl. Da ich nicht besonders gut darin bin, meine Gefühle zu beschreiben, werde ich euch einfach mehrere Gefühlszustände nennen, die im Zusammenspiel ungefähr das Gefühl ergeben, was ich gerade spüre.

Also da wäre zum einen Melancholie. Heimweh. Verlustangst. Ein Gefühl des Neuanfangs. Und vielleicht noch ein wenig Unsicherheit. Und das alles, weil ich mich von einem Wasserkocher und von einem Toaster trenne. Nennt mich bekloppt, denn ich bin es.

Mit diesem melancholischem Heimwehverlustangstneuanfangsgefühl der Unsicherheit hetze ich die Straße entlang. In einem Beutel der rotglänzende Toaster, in dem anderen der schwarzmatte Wasserkocher. „Industriestraße“ lese ich und finde den Namen wirklich passend. Plagwitz, das sowieso ein sehr industriell geprägtes Viertel ist, mag ich ebenso. Alles so urig, unkonventionell, ein bisschen punkig und abgeschranzt, aber genau deshalb so sexy.

Dieses Viertel erinnert mich an die Gießerei aus „The Urbz“ – ein Sims-Abklatsch für die Xbox, das ich als Jugendlicher stundenlang mit meinem besten Freund gezockt habe. Irgendwie komisch, dass ich ausgerechnet in diesem Moment daran denken muss. Die nächste Straße heißt Gießerstraße. HA! Ein Zeichen, es gibt keine Zufälle!

Auf der Gießerstraße befindet sich auch der Umsonstladen. Das Konzept ist ziemlich schnell erklärt: man kann Dinge, die dort rumstehen einfach kostenlos mitnehmen. Dinge, wie Haushaltsgeräte – Toaster und Wasserkocher zum Beispiel -, aber auch Klamotten, Bücher und Taschen. Oder eben Dinge abgeben und somit spenden. Ziemlich coole Idee, einen Laden aufzumachen, der ohne das Zahlungsmittel Geld auskommt. Nimm das, scheiß Kapitalismus!

Hierhin schaffe ich also meine beiden treuen langjährigen Begleiter. Das alte Industriegebäude sieht sehr … unkonventionell aus. Nennen wir den Stil einfach Leipziger Abwrack. Aber mehr habe ich mir unter einem Umsonstladen im Stadtteil Plagwitz auch nicht vorgestellt. Aufs mindeste beschränkt – hoffentlich fällts nicht ein, denke ich mir nur.

Beim Eintreten sticht mir ein noch nie dagewesener Geruch in die Nase. Ein Mix aus Altkleidersammlung, dem Jahr 1930 (keine Ahnung wie das da roch) und sicherlich auch ein wenig Asbest. Ehrlich, diesen Geruch gibt es nur einmal auf dieser Welt.

„Wo soll ich meinen Toaster und den Wasserkocher abstellen?“, frage ich einen ehrenamtlichen Mitarbeiter. Ich hoffe zumindest, dass es einer ist, weil so richtig erkennen kann man das nicht. Er scheint aber sehr beschäftigt damit zu sein, alles in Ordnung zu halten. Gerade beschwert er sich über einen unbekannten Kunden, der einen Spiegel zerbrochen hat und nicht bescheid gesagt hat. Finde ich auch nicht gut. Er winkt beschäftigt ab und sagt, ich solle es einfach „hier“ ins Regal stellen. „Hier?“, frage ich sicherheitshalber nochmal. „Hier!“, meint er. Na gut, dann eben hier.

Jetzt wo ihr beiden hier so steht, weint mein Herz tatsächlich ein bisschen. Ich muss unbedingt noch ein Foto machen. Ja, das wird helfen. Fotos sind besser als Erinnerungen, denn die kann man nicht vergessen. Man kann sie nur ausversehen löschen. Aber in Kombination mit Erinnerungen sind Fotos einsame Spitze. Emotionsspeicher sozusagen.

Klick. Foto 1. Klick Foto 2. Hauptsache unauffällig, denn ein bisschen peinlich ist es mir schon, dass ich gerade so melancholischheimwehverlustangstneuanfangsgefühlig bin – wegen zwei Elektrogeräten.

Ja man, aber da hängen viele Erinnerungen dran. Vier Umzüge haben die Beiden mitgemacht und mich nie im Stich gelassen. In jeder Wohnung waren sie fester Bestandteil meiner Küche und fast nie in einem staubigen Schrank eingesperrt, sondern immer offen zu sehen, immer präsent. Und jetzt steht ihr hier offen. Zu Adoption freigegeben sogar.


Das soll auch das letzte Mal gewesen sein, dass ich euch gesehen habe. Denn kaum drehe ich eine Runde durch den Laden, finde ich auf dem Rückweg (schließlich wollte ich nochmal Tschüss sagen) nur noch ein leeres Regal vor. Das ging schnell, kaum 5 Minuten zum Mitnehmen angeboten und schon hat sich jemand anderes in euch verliebt. Hoffentlich werdet ihr auch weiterhin so sehr gebraucht, wie ich es getan habe. Ich bin mir sicher, dass ihr noch viele Jahre durchhalten werdet.

Auf dem Rückweg geht mir Vieles durch den Kopf. Melancholische Heimwehverlustangstneuanfangsgefühle der Unsicherheit, die Urbz, wie schön es in meinen alten Wohnungen war und noch so vieles mehr. Ein Gefühl überwiegt jetzt jedoch. Heimweh. Aus irgendeinem Grund. Vielleicht aus dem selben Grund, weshalb ich so tragisch auf den Abschied der zwei Elektrogeräte reagiert habe.

Da hilft nur eins: ein bisschen Heimat und Vergangenheit ins Hier und Jetzt holen. Ich koche mir jetzt leckere Pelmeni, dazu gibt es Schmand. Mehr Kindheit geht nicht und ich bin mir sicher, danach geht es mir wieder besser. Mahlzeit!

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